Was trägt man(n) wann?

Dank der Lockerung des britisch geprägten konservativen Stils durch die eher elegante Note mit legerer italienischer Prägung, vermischt mit einem pragmatisch funktionellen amerikanischen Einfluss, findet heute jeder Mann die Fußbekleidung, die zu seiner Persönlichkeit und seinem beruflichen wie privaten Umfeld passt.
Ein Mann mit Stilempfinden kann und wird sich also durchaus individuell kleiden. Ein Adeliger, der von klein auf gelernt hat, sich nach den Regeln des Anstands, der Sitte und seiner familiären-historische Abstammung und seinem gesellschaftlichem Rang zu kleiden, wird sich selbstverständlich anders anziehen als etwa ein Mann, der sich seine Kleidung vornehmlich unter rein ästhetischen Gesichtspunkten mit einer Portion individuellen Geschmacks zusammenstellt. So wird einerseits Bewährtes gepflegt und erhalten, doch zugleich kommen neue, moderne und zeitgemäße Ergänzungen hinzu. Von einer Uniformität der Businesskleidung zu sprechen, wie Kritiker es gerne tun, ist angesichts der Vielfalt möglicher Ausprägungen übertrieben – es sei denn, man bezeichnet allgemein das Tragen von Lederhalbschuhen als Uniform. Hinzu kommen unterschiedliche berufliche Umfelder und Hierarchieebenen. Ein Kunsthändler wird vermutlich eine andere Kleidung wählen als ein Broker oder ein Professor für Altertumskunde.
Schuhkenner achten auf feine Details, die der Neuling meist nicht einmal bewusst wahrnimmt. Selbst gleichartige Schuhmodelle bieten gelegentlich ein sehr unterschiedliches Erscheinungsbild. So gibt es einen schwarzen Derby mit Vorderkappennaht sowohl in einer sehr fein anmutenden Variante (dünne Sohle, hochwertiges Leder, versenkte Rahmennaht, schlüssiger Übergang von Ferse zu Absatz und anderes mehr), aber ebenso in einer rustikalen Machart (gröberes Glattleder, doppelte Sohle, zwiegenäht mit kontrastierender Einstechnaht, 360°-Rahmen und so weiter). Der eine eignet sich damit als Partner zum dunklen Anzug, der andere ist für einen Cordhoseneinsatz am Wochenende gedacht. Bisweilen scheinen sich selbst einige Hersteller solcher Unterschiede nicht bewusst zu sein. So bietet der Franzose Heschung, mit dem Berrya einen zwiegenähten schwarzen Plain Oxford an. Ebenso unpassend, wie die weiß hervortretende Einstechnaht, ist auch die helle Sohle zu diesem, vom Modell her eigentlich eleganten Schuhwerk. Ein solches Exemplar lässt sich mit keiner Kleidung stilvoll kombinieren, weil der Schuh in sich bereits ein Widerspruch ist.
Man könnte unendlich über das Für und Wider einzelner Schuh-Kleidungs-Kombinationen diskutieren – so vielfältig und variantenreich sind die real existierenden Möglichkeiten. Weiter vorne wurde beispielsweise auf die Wechselwirkung der Oberflächenstruktur zwischen Schuh und Textilien hingewiesen: Natürlich harmoniert ein raues Oberleder besser mit einem rauen Stoff als ein Glattleder. Doch, so ließe sich ergänzen, ein durch Broguings stark verziertes Glattleder wirkt auch irgendwie „rau“ und harmoniert dann ebenfalls mit einem wolligen Stoff. Und ist der Stoff stärker gemustert, passt ein mehrteiliger Schaft vermutlich besser dazu als ein Plain Derby aus Velours. – Letztlich kommt es also darauf an Grundzüge zu erkennen und ein Gefühl für stimmige Bilder und Zusammenhänge zu entwickeln. Deshalb werden Sie im Folgenden richtungsgebende Hinweise finden und keine fertigen Rezepte. Trotzdem sind Sie, wenn Sie sich an die hier gegebenen Empfehlungen halten, immer auf der sicheren Seite, immer der restlichen Kleidung und dem Anlass entsprechend gut und mit den richtigen Schuhen gekleidet.
Neben den Hinweisen dieses Kapitels beachten Sie bitte auch die verschiedenen Schnürtechniken bei Herrenhalbschuhen, welche im gleichnamigen Abschnitt im Kapitel Rund um den Schuh vorgestellt werden. Denn auch die Schnürungsweise, die Senkelfarbe und -textur hat einen nicht unerheblichen Einfluss auf ein stimmiges Gesamtbild der Kleidung.
Wenn Sie die Regeln kennen und ein Gefühl für das jeweils passende Schuhwerk im Laufe der Zeit entwickelt haben, dann macht es auch Spaß zu experimentieren und sich im Einzelfall begründet (!) über eine Regel hinwegzusetzen. Dann wird nicht kopiert, sondern differenziert und selektiert.
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