SchOberlederfarben

Schuhe waren früher grundsätzlich nur braun oder schwarz. Das hing damit zusammen, dass pflanzlich gegerbte Leder von Natur aus eine braune Färbung haben. Je nach verwendeten Gerbmitteln und der Zurichtung variierte das Braun leicht zu dunkleren Tönen, und durch eine Bleiche ließen sich sehr helle Farbtöne erzeugen. Schwarzes Leder ließ sich ebenfalls mit einfachsten Mitteln erzeugen. Man brauchte in die Gerbbrühe nur Eisenspäne zu streuen und sofort wurde alles Schwarz. In England, dem Mutterland der Herrenmode, wurden diesen beiden Schuhfarben klare Einsatzzwecke und -orte zugeschrieben. Durch die inzwischen selbst in England nicht mehr gültige Regel „no brown in the city“ wurde der braune Schuh aus der Stadt auf das Land verbannt und zur Landmode. Bis heute werden Sie deshalb nur braune Schuhe in den Country-Kollektionen der Hersteller finden. Schwarz als Schuhfarbe für den Stadtschuh ergab sich aufgrund der grauen und schwarzen Stadtkleidung. Diese bevorzugten Stofffarben widerstanden den damaligen städtischen Verschmutzungen (Kohleruß aus unzähligen Schornsteinen) besser als andere Farben.
Durch die Fortschritte bei der Herstellung synthetischer Farben zu Beginn des 20. Jahrhunderts bot sich erstmals die Möglichkeit, das Oberleder von industriell hergestellten Schuhen mit anderen Farben zu versehen. Damenschuhe wurden auch bald in allen erdenklichen Farben angeboten. Manchmal waren es die Farben, wie das von Elsa Schiaparelli in den dreißiger Jahren vorgestellte auffallende Violettrosa, wodurch die Schuhe zu begehrten Objekten für das schöne Geschlecht wurden. Die Herrenschuhmode verharrte, von Ausnahmen abgesehen, bei Braun und Schwarz. Eine dieser Ausnahmen waren dunkelblaue Herrenschuhe, die 1929 in den USA en vogue waren. Auch in den dreißiger Jahren waren marineblaue Schuhe nicht Außergewöhnliches, wenngleich Schwarz die dominierende Farbe für den Schuh des Gentleman war. Gründe für diese Farbabstinenz sind unter anderem in den traditionellen Vorstellungen und den finanziellen Möglichkeiten der meisten Menschen dieser Zeit zu sehen. Wer es sich leisten konnte, war entweder besonders den überlieferten (Familien-)Traditionen verhaftet oder musste aufgrund seiner geschäftlichen Stellung diesen Traditionen folgen. Und der Durchschnittsverdiener hatte nicht die finanziellen Möglichkeiten viele Schuhe zu besitzen, sodass er mit ein paar schwarzen Modellen für alle Gelegenheiten gut gerüstet war.
Dementsprechend haben sich für Herrenstraßenschuhe aus (Glatt-)Leder in den meisten Industrieländern vornehmlich zwei Farben etablieren können: Schwarz und Braun. Wobei braune Schuhe von vielen selbst heute noch mit Freizeit, und nicht mit Berufsleben, assoziiert werden. Für die meisten Branchen gilt aber mittlerweile, dass Dunkelbraun für den Businessbereich akzeptiert ist. Und die Ästheten erfreuen sich an schön anzuschauenden Kombinationen mit grauen und blauen Stoffen. Andere, hellere Brauntöne sind im Geschäftsleben je nach Branche und Land mit mehr oder weniger Fingerspitzengefühl ebenfalls tragbar. In einem gewissen Maße, wenngleich schon wesentlich eingeschränkter und vor allem in den USA üblich, wird selbst Bordeauxrot als Herrenschuhfarbe auch im Geschäftsleben akzeptiert.
Wenn Sie Schuhe in dunklem Weinrot suchen, betrachten Sie die Angebote der amerikanischen Hersteller. Speziell Florsheim und Alden offerieren viele Modelle in diesem eleganten Farbton.
Graue und blaue Schuhe, die auch hin und wieder angeboten werden, konnten sich nie richtig durchsetzen. Eigentlich unverständlich, sind diese Farben doch nicht nur optisch zurückhaltender als Bordeauxrot, sondern harmonieren daneben prächtig mit vielen bei Geschäftskleidung gebräuchlichen Farbtönen. So passt ein Schuh mit einem grauen Oberleder in den meisten Fällen sicher ebenso gut zu einem grauen Anzug wie die üblicherweise damit kombinierten schwarzen Schuhe. Im Vergleich zur sonst üblichen schwarzen Fußbekleidung wirken graue Modelle bei gleicher Eleganz weniger formell.
Ganz gewiss nicht mehr zeitgemäß ist dieses überkommene Schuhfarbenreglement für die vornehmlich am persönlichen Stil und dem Anlass orientierte Freizeitkleidung. Dabei ist es unerheblich, ob diese eine mehr elegante oder eher sportliche Prägung hat. Was spräche denn dagegen, einen blauen Schuh zur Bluejeans zu tragen? Und auch für das Tragen blauer oder grauer Schuhe im Umfeld geschäftlicher Bürotätigkeiten gibt es kein allgemein gültiges, sachlich nachvollziehbares Argument, das diese Oberlederfarben zweifelhaft oder bedenklich erscheinen lassen könnte. Wer sich in der Businesswelt aufmerksam umschaut, wird immer wieder gravierende Fauxpas bemerken. Da lohnt es sich gewiss nicht, über stilistisch einwandfreie, mit der restlichen Kleidung harmonierende und nur eingefleischten Traditionalisten widerstrebende, Schuhfarben zu streiten, solange der Schuh eine ansprechende Qualität hat.
Insbesondere bei Maßschuhmachern dominiert Schwarz als Schuhfarbe. So gab Klemann kürzlich an, dass 70 bis 80 Prozent aller Schuhe, die seine Werkstatt baut, schwarz sind. Offenbar will ein Teil der Klientel auf „Nummer sicher gehen“ und mit hochpreisigen Maßschuhen nichts „falsch“ machen, und ein anderer Teil kommt aus Berufen und Positionen, in denen Schwarz die einzig in Frage kommende Schuhfarbe ist.
Wenn Sie in einem tendenziell konservativen Umfeld tätig sind, sollten Sie, um nicht durch „zweifelhafte“ Schuhe aufzufallen oder um Ihr Gegenüber nicht unnötig zu verwirren oder stilistisch zu überfordern, bei der Wahl klassischer Herrenschuhe zumindest im Geschäftsleben bei Schwarz oder Braun bleiben. Sind die Regeln etwas lockerer, spricht, jedenfalls unter ästhetischen Gesichtspunkten, grundsätzlich nichts gegen einen bordeauxroten, blauen oder grauen Schuh.
Männer mit eigenem Geschmack, ausgeprägter Individualität und entwickeltem Stil die nicht nur auf ausgetretenen Konventionspfaden wandeln, sollten sich diese Schaftfarben ruhig erschließen. Vornehmlich Grau und Anthrazit sind zurückhaltend und unauffällig. Wer graue Oberleder nicht gleich mit Anzügen kombinieren möchte, kann sie mit Kombinationen tragen. Und in der Freizeit sollten sowieso Ihr eigenes Stilempfinden und Ihr persönlicher Geschmack den Ton angeben. Übrigens besaß selbst der amerikanische Präsident Bill Clinton ein Paar blaue Raulederloafer von Johnston & Murphy. Und in den Niederlanden, einer sehr toleranten Nation, sieht man das alles auch nicht so eng. Dort gehört selbstverständlich ebenso ein blaues Oberleder durchaus zum guten Ton.
Nichtsdestotrotz ist und bleibt Schwarz die Schuhfarbe schlechthin für alle offiziellen Anlässe. Und auch in konservativen Berufsbranchen (Banken, Versicherungen etc.) gilt ausschließlich Schwarz als akzeptable Schuhfarbe. Wo es um Finanzen geht, trägt der Schuh also immer noch Trauer.
Doch auch Banker haben Freizeit. Und dank der unendlich vielen Tönungen, in denen braune Schuhe existieren, wird es auch für Traditionalisten und farblich konservativ eingestellte Männer bei Schuhfarben nie wirklich trist. Die Farbpalette brauner Schuhe reicht von dunklem Eichenholz bis zu den hellsten Sandtönen, von Ochsenblut- bis zu Cognacfarben. Braun in all seinen vielfältigen Tönungen ist eine wunderschöne Farbe für den Freizeitlook.
Gemeinhin sind die Farben von sommerlichen (Freizeit-)Schuhen eher heller gehalten. Das ist durchaus sinnvoll, denn das Wärmeaufnahmevermögen des Leders wird in starkem Maße durch seine Farbe beeinflusst. Eine Messung bei Sonneneinwirkung ergab bei einem hellfarbigen Leder eine Höchsttemperatur von 38 Grad, wogegen das schwarze Oberleder 47 Grad Celsius aufwies. Auch sind die Farben der restlichen Kleidung im Sommer gemeinhin heller. Ein weißer Glattlederschuh sieht zu einer weißen Sommerhose oder einem weißen Anzug getragen genauso gut aus, wie ein cremefarbener Halbschuh zu einer farblich passenden Kleidung. Doch auch hier gilt es, das berufliche Umfeld zu berücksichtigen. Für den Mediziner kommt meist nur der helle Schuh in Frage. Und der selbstständige Architekt ist in seiner Farbwahl vermutlich genauso frei wie der freie Journalist, wohingegen der Jurist wieder sehr auf sein Umfeld Rücksicht nehmen muss. Mit ein wenig Feingefühl und Selbstbewusstsein findet jeder hier seinen individuellen Weg, ohne unangenehm aufzufallen. Die Zeiten, in denen der römische Kaiser Aurelian (er regierte 270 bis 275) den Männern untersagte, farbige Schuhe zu tragen, sind jedenfalls längst vorbei.
Weiße Schuhe sind sogar ein eleganter Uniformbestandteil: Der „Buck“, ein glatter weißer Raulederderby mit roter Gummisohle, ist der Schuh der Paradeuniform der US-amerikanischen Marineoffiziere.
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