DER NORWEGER

Der Schaftschnitt eines Norwegers ist ein Derby mit einem U-förmig eingesetzten Vorderteil, ähnlich einem Mokassinderby. Das Charakterisierende dieses Modells ist jedoch eine vertikal verlaufende, mittig um die Schuhspitze herumführende Naht. Die durch diese Vordernaht in zwei Hälften geteilte Schuhspitze wird „Split-toe“ genannt. Durch die exponierte Lage der Vordernaht ist der Norweger ein recht auffälliges Modell. Dadurch polarisiert dieses Schuhmodell auch die Meinungen: Entweder man freundet sich mit ihm an, oder man wird ihn rundweg ablehnen.
Beim Norweger sind am Vorderschuh drei verschiedene Nahtausführungen üblich. Am häufigsten sind Norweger in der rustikalen Art mit auffallenden, wulstigen, nach außen gebogenen und zusammengenähten Schaftteilkanten. Diese Grundform der Bestechnaht gibt dem Schuh ein rustikales, derbes Erscheinungsbild. Sind die Nähte hingegen dezent und unauffällig gehalten, wurden die Schaftteilkanten nach innen umgebuggt und miteinander vernäht. Das ist ein Kennzeichen der französischen Art des Norweger-Modells. Ein weiteres charakteristisches Merkmal des französischen Typs, der von den Pariser Bottiers bereits Anfang des 20. Jahrhundert so gebaut wurde, ist die längere, bis auf den Zehenrücken hinaufreichende Naht an der Spitze. Dadurch ist der Vorderblatteinsatz (der Spiegel) über dem Fußrücken wesentlich kleiner.
Bei der ursprünglichen Art – und das ist heute bei den Herstellern in Vergessenheit geraten – waren die Nähte dieser Schuhe unsichtbare bestochene Nähte. Diese bestochenen Nähte liegen unterhalb der von außen sichtbaren Oberfläche und sind von außen nur als leicht hubbelige Oberfläche an der Stelle des Nahtverlauf erkennbar, ohne dass ein Nahtloch oder der Faden sichtbar wäre. Als Oberleder wurde meist Scotchgrainleder verwendet. Durch dessen strukturierte Oberfläche verschwanden die Nähte optisch vollends. Als Arbeitsschuhe der norwegischen Fischer lag jedoch der eigentliche Vorteil der innen liegenden bestochenen Nähte in ihrer Wasserdichtigkeit.
Die Bodenmachart der ursprünglichen Norweger-Modelle war immer original zwiegenäht. Diese im Englischen deshalb auch „norwegian welt“ genannte Technik ist dank ihres auf der Sohle nach außen umgeschlagenen Schaftleders eine relativ wasserdichte Konstruktion.
Ursprünglich ist die Nahttechnik der unsichtbaren bestochenen Naht auf die Handwerkskünste der Inuit, den Ureinwohnern der Polarmeerregion, zurückzuführen. Deren Schuhe, wie auch die der Lappländer und dann später der norwegischen Fischer, waren mit bestochenen Nähten gefertigt. Hierzu gibt es ein interessantes Buch „Die Kunst der Inuit Frauen – Stolze Stiefel, Schätze aus Fell“.
Bedingt durch diese drei unterschiedlichen Norweger-Modelltypen kann der Norweger optisch sehr unterschiedlich anmuten. Neben der bürotauglichen Variante mit Ledersohle wird dieses Schuhmodell gerne als robuster Freizeitschuh mit sportlich geprägtem Leder und Krepp- oder Profilsohlen angeboten. Modische Varianten spielen mit der Wirkung der Bestechnähte in Kombination mit glänzenden Glattledern.
Charakter: Sportlich und urban wirkt der Norweger mit Krepp- oder Profilsohle, wulstiger Naht und in geprägtem oder rustikalem Leder. In dieser Variante ist er ein ausgezeichneter Begleiter für „rustikale“ Vorhaben. Eher zurückhaltend und elegant ist seine Wirkung in schwarzem Glattleder mit Ledersohle und eleganter Bestechnaht. Entsprechend kann er zur Freizeitkleidung oder auch zur sportlichen Kombination getragen werden. Wer die Herkunft des Schuhs kennt, wird verstehen, weshalb er freilich nicht zum Büroanzug passt.
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