DER AUTO(FAHRER)SCHUH

Im Zeitalter der automobilen Gesellschaft verwundert es nicht weiter, dass es auch Schuhmodelle gibt, die speziell für das Autofahren entworfen wurden. Hier ist nicht die Rede von Schuhen für den Motorsport aus feuerhemmenden Materialien, sondern von der zivilen Ausführung für den normalen Autofahrer. Natürlich haben sich diese aus den Schuhen der Renn- und Rallyefahrer entwickelt und je näher sie diesen noch stehen, umso mehr typische Merkmale weisen sie noch auf. Beispiele sind eine bis zur Schuhspitze reichenden Schnürung, um eine maximal feinfühlige Einstellung nach individuellen Vorlieben vornehmen zu können, oder zusätzliche äußere Schaftverstärkungen beim rechten Schuh zum Schutz des Fußes im Ballen- und Fersenbereich bei der gleichzeitigen Bedienung von Brems- und Gaspedal. Einer der ersten weit verbreiteten Autofahrerschuhe war das Modell Autoped, welches die deutsche Firma Sioux 1957 auf den Markt brachte. Die Rennfahrerlegenden Sir Stirling Moss und Huschke von Hanstein machten diesen Mokassin mit Kautschukrillensohle und hochgezogener Kreppferse weithin populär. Diese hochgezogene, gerundete Ferse war eine Erfindung von Peter Sapper, dem Chef von Sioux, der im selben Jahrzehnt auch die Noppensohle, heute bekannt durch den Tod’s Mokassin, erfand.
Jeder der schon einmal sehr lange Strecken ohne Tempomat gefahren ist oder sich mit unpassender Fußbekleidung wie Wanderschuhen oder Clogs durch den Stadtverkehr gequält hat, kann nachvollziehen, dass spezielle Schuhe hier eine Erleichterung und ein Plus an Verkehrssicherheit bringen. Auch das leidige Abfärben der Fußmatten spielt bei diesen speziellen Schuhmodellen keine Rolle. Und welcher stilbewusste Autofahrer hat sich nicht schon über die gerundete Absatzkante geärgert, die durch das Betätigen des Gaspedals im Laufe der Zeit entsteht? Auch das ist bei Autofahrerschuhen kein Thema, denn eine Absatzkante haben diese erst gar nicht.
Schuhe die für das Fahren mit dem Personenkraftwagen entwickelt wurden, sollen die spezifischen Anforderungen beim Autofahren bestens erfüllen und haben folglich spezielle Merkmale: Die Schuhe müssen insgesamt leicht sein, um schnelle Pedalwechsel nicht zu erschweren. Desgleichen sollen sie dicht an den Füßen anliegen, damit das Risiko, versehentlich an einem Pedal hängen zu bleiben oder zwei Pedale auf einmal zu erwischen, minimiert wird. Weiche anschmiegsame Obermaterialien, vorzugsweise (Rau-)Leder, sorgen für ein mokassinähnliches, sehr bequemes Tragegefühl und Atmungsaktivität auch auf großen Fahrstrecken. Vielösige Schnürungen sorgen für die individuelle Anpassung und verhindern Taubheitsgefühle. Da der Fuß bei den Pedalwechseln starke Bewegungen im Sprunggelenk vollzieht, sollten die Schuhe das Gelenk möglichst frei lassen. Keinesfalls darf der Schaftrand Kontakt mit den Knöcheln haben und der Schaft sollte auch bei gebeugtem Fuß nicht die Achillessehne reizen. Die Sohle darf weder zu dünn und zu weich, noch zu dick und zu steif sein, sonst ermüdet oder schmerzt der Fuß auf längeren Strecken oder aber das Feingefühl für eine dosierte Pedalbedienung wird behindert. Auch sollte sich die rutschfeste Sohle resistent gegen Kraftstoffe und Öl (Tankstellen) erweisen. Die Sohle sollte flach oder keilförmig sein und im Fersenbereich abgeschrägt oder gerundet und bis auf die Rückseite des Schuhs hinaufreichen. Ein Kippen des Fußes ist dadurch ausgeschlossen und der Fuß hat insgesamt eine entspannte Haltung beim Gasgeben. Eine lang gezogene Fersenkappe erleichtert die Fußführung beim Pedalwechsel.
Der Markt bietet recht unterschiedliche Autofahrerschuhe. Die Italiener benutzten vor Jahrzehnten so genannte Canadianschuhe zum Autofahren. Das waren Mokassins ohne separate Laufsohle, die einen ovalen Absatzfleck hatten. Der französische Produzent Chapal hat ein Rennschuhmodell der sechziger Jahre wieder neu aufgelegt. Damals fuhren bekannte Fahrer wie Jim Clark, Fangio und Graham Hill mit diesen Schuhen. Diese relativ hochpreisigen „driving shoes“ haben einen Schaft aus in firmeneigenen Gerbereien hergestelltem Schafleder, eine vegetabil gegerbte Brandsohle und auf der Außenseite eine dünne Gummisohle. Die Schnürung reicht weit bis zu den Zehen. Erhältlich sind diese mit Schuhsack gelieferten Schuhe in klassischem Dunkelbraun, aber auch in Schwarz, Orange, Gelb, Blau oder einer Farbkombination, in Größe 36 bis 46 mit dünnen oder breiten Schnürsenkeln.
Die vom Motorsport beeinflussten Modelle der Firma Piloti (Mulholland und Monaco) sind auch bei den auto aficionados sehr angesehen. Kreiert wurden sie von Kevin Beard, einem Amateurrennfahrer und ehemaligem Designer von Adidas und Reebok. Der Sportschuhhersteller Puma verfügt durch seine Zusammenarbeit mit Sparco, einem spezialisierten driving shoe Hersteller, über Erfahrung aus dem Rennbereich. Mit dem Modell Maccina, einem in Mokassinmachart gefertigten Autofahrerschuh mit jugendlicher Silhouette in Schwarz oder einem rötlichen Braun, bietet Puma auch eine zivile Version. Am bekanntesten ist vermutlich der Autoschuh mit Noppensohle von der italienischen Marke Tod’s, der in den neunziger Jahren ein Hype war. Den offiziellen Darstellungen zufolge geht dieses Modell auf einen Flohmarktfund im Jahr 1979 zurück, als Tod’s-Chef Diego Della Valle ein Paar Rennfahrerschuhe aus den fünfziger Jahren entdeckte. Diese glichen eher Strümpfen aus Leder als Schuhen und hatten Noppen anstelle einer glatten Sohle. Ob es sich dabei um das ursprüngliche Modell mit Noppensohle, den Intarsia von Sioux, gehandelt hat, ist nicht überliefert. Zurück in Italien baute Della Valle dieses Modell in der bekannten Form nach und schaffte durch eine geschickte PR innerhalb kurzer Zeit einen gewaltigen Durchbruch mit diesem Schuh. Inzwischen gibt es das Modell in vielerlei Varianten aus Rauleder, aus Glattleder und mit zusätzlicher Noppen-Ledersohle oder nur Noppen, die, an einer Innensohle befestigt, durch den Schaftboden reichen. Selbst Kinderschuhe in Lackleder bietet Tod’s in diesem Design an. Für qualitäts- und umweltbewusste Schuhfreunde ist die schlechte bis unmögliche Reparierbarkeit dieses Modells schon immer ein indiskutabler Nachteil, ja ein Disqualifikationsgrund. Tod’s bietet auch keine werkseigene Reparaturmöglichkeit, wenn die Noppen an der Ferse oder Spitze abgelaufen sind. Und selbst die Altschuhsammlung kann dann nichts mehr damit anfangen.
Charakter: Grundsätzlich ist der Autofahrerschuh, der tendenziell immer sportlich wirkt, ein Schuh für die Freizeit. Abhängig vom individuellen Modell kann er sehr unterschiedlich in der Anmutung sein (edel, traditionell, sportlich, bequem und so weiter).
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