AUSSENSCHAFT, SCHUHSPITZEN UND ABSÄTZE

Spezielle Außenschäfte ergeben übrigens keine eigenen Modelle. So ist beispielsweise ein Lackschuh abhängig vom zugrunde liegenden Schuhmodell diesem zuzuordnen (in der Regel handelt es sich hierbei um glatte Oxfords). Man würde in diesem Fall dann vom „Plain Oxford in Lackleder“ sprechen. Auch Schuhschäfte oder Schaftteile aus geflochtenen Lederstreifen repräsentieren kein eigenständiges Schuhmodell. Sie zählen zur Gruppe der Sommerschuhe, die anhand ihrer Schnürung wieder grob in Oxford- oder Derby-Schuhe unterteilt werden.
Fachleute unterteilen Schuhe in „Schuhbereichsgruppen“ nach qualitativen, zeitlichen oder herstellungstechnischen Merkmalen (beispielsweise Sommerschuhe, Maßschuhe, Luxusschuhe, Serienschuhe, Markenschuhe usw.)
Auch die Formgebung der Schuhspitze ist zunächst unerheblich, wenn es um die Einteilung in verschiedene Schuhmodelle geht. Zwar beeinflusst das „Gesicht“, wie der Fachmann die Spitzenform nennt, stark das Erscheinungsbild eines Schuhs, doch ein Oxford bleibt ein Oxford, ob nun mit gerundeter oder konischer Gesichtsform. Lediglich für den Budapester ist eine aufgeworfene und gerundete Spitze typisch. Ansonsten sind die Schuhspitzen eher bedeutsam für bestimmte Designrichtungen oder Modetrends. Der klassisch angelsächsische Schuh zeigt zum Beispiel eher eine kürzere gerundeten Spitze und der designorientierte italienische Schuh ein längeres und spitzer zulaufendes vorderes Schuhende. Die Mode variiert diese Grundrichtungen: So werden die englischen Shoes beispielsweise seit einiger Zeit länger und die italienischen Modelle eckiger. Die Abbildung zeigt die für Schuhspitzen gebräuchlichen Grundformen.
Der Absatz eines klassischen Herrenlederhalbschuhs ist ein so genannter Trotteur- oder Quaderabsatz. Darunter versteht man alle Arten von relativ flachen (10 bis 30 Millimeter hohen) und quaderförmigen Absätzen, die sich zum Gehen eignen („Trotteur“ ist das französische Wort für Traber). Also verhältnismäßig flache Absätze mit relativ großer Auftrittsfläche, wie sie bei bequemen Business- und Straßenschuhen üblich sind.
Im Detail unterscheidet man vier Standardformen. Der englische Absatz ist im Mittel 24 Millimeter hoch und hat eine gerade und eingezogene Fersenlinie. Die hintere Profillinie zeigt zur Auftrittsfläche hin also leicht nach innen. Der amerikanische Absatz ist etwas höher und hat eine geschweifte Fersenlinie. Die Auftrittsfläche ist entsprechend kleiner. Sportliches Schuhwerk hat oft einen Golfabsatz, der in der Höhe dem englischen Absatz entspricht, aber eine rechtwinklig zur Auftrittsfläche verlaufende Profillinie besitzt. Für Tanzschuhe ist der Tanzschuh- oder Shimmy-Absatz beliebt. Dieser wird nach unten zu breiter, hat folglich eine relativ große Auftrittfläche und ist wesentlich flacher als die anderen Absätze. Ist die hintere untere Absatzkante abgerundet spricht man von einem Rollabsatz, welcher die Auftrittsabwicklung erleichtern und den ersten Bodenkontakt sicherer machen soll – eine umstrittene Angelegenheit, da sich jeder Fuß seinen eigenen Auftritt schafft. Heutzutage wird für diese Zwecke eher ein Pufferabsatz verwendet, der zudem den harten Stoß beim Aufsetzen der Absatzkante mildert. Pufferabsätze können unterschiedlich konstruiert sein und sind vom äußeren Anschein nicht von einem normalen Absatz zu unterscheiden.
Obwohl der Absatz die Optik eines Schuhmodells stark prägen kann, ist er nicht modellbestimmend. Eher umgekehrt: So ist der Sandwichabsatz eines Sneakers normalerweise ein Keilabsatz und ein Westernboot hat einen Blockabsatz (ein mit 25 bis 40 Millimeter mittelhoher Absatz mit breiter Auftrittfläche). Ob es sich im Einzelnen um einen Kurz- oder einen Langkeilabsatz (der Langkeilabsatz reicht bis an die Ballenbeuge) handelt, ist vom jeweiligen Sneakermodell abhängig. Und auch bei den Westernstiefeln entscheidet das jeweilige Modell darüber, ob es sich beim Blockabsatz um einen Kubaabsatz mit eher großer Auftrittsfläche oder einen schrägen Cowboyabsatz handelt und welche Höhe er jeweils hat.
Durch einen an Fußbeschwerden oder -deformitäten angepassten Absatzbau können diese verringert werden. Hier ist das Ziel eine zusätzliche Abstützung zu erreichen. Verbreitet ist beispielsweise der Flügelabsatz (Hilfe für einen Knickplattfuß), der innen oder außen flügelartig in das Sohlengelenk vorgezogen ist, ein Stegabsatz (Hilfe für Plattfüße oder kontrakte Füße) welcher durch einen unauffälligen, kurzen Vorbau vor der Absatzfront das Gelenk unterstützt, ein Schleppenabsatz (Hilfe für einen Hackenfuß), der einen nach hinten herausgebauter Absatz ist.
Woher der Absatz stammt ist nicht eindeutig geklärt. Angeblich soll ihn Leonardo da Vinci erfunden haben. Historisch belegt sind die ersten Absätze bei den Mongolen im 12. und 13. Jahrhundert. Dieses Reitervolk hatte schon im 12. Jahrhundert hellrote Absätze unter den Stiefeln. Die Theorie, der Absatz wäre durch die Notwendigkeit entstanden, dem Stiefel im Steigbügel Halt zu geben, ist umstritten. In der europäischen Schuhmode erscheint der Absatz um 1580 zuerst in Italien, von wo aus er sich rasch über ganz Europa verbreitet. Zunächst nur an Männerstiefeln. Der von Soldaten und Kavalieren um 1600 getragene Schuh hatte einen Blockabsatz von etwa 5 Zentimeter Höhe. Vermutlich war er so beliebt, weil er den Soldaten martialischer und den Kavalier modischer wirken ließ und sowohl zweckmäßig für das Reiten als auch für das Gehen war. Da nur die Wohlhabenden zu Pferd unterwegs waren, wurde der Absatz immer auch mit Wohlstand und Adel in engen Zusammenhang gebracht. Als 1574 die vom Wuchs her kleine Katharina de Medici bei ihrer Hochzeit in Paris Schuhe mit hohen Absätzen trug, hatte das einen Siegeszug des Absatzes bei den weiblichen Schuhen zur Folge. Schnell wurde die erotisierende Wirkung erkannt, die durch die vom Absatz bedingte Gangveränderung, die veränderte Beckenstellung und die Betonung des Oberkörpers (noch verstärkt von dem der damaligen Mode entsprechenden großzügigen Dekolletee) verursacht ist. Im Rokoko erreichte der Absatz bei Damenschuhen schwindelerregende Höhen, so dass sich modebewusste Damen mit Stöcken fortbewegen mussten, um nicht zu stürzen. Um Gewicht zu sparen, wurden damals viele Absätze aus Holz von einem darauf spezialisierten Handwerker, dem Absatzmacher, gebaut. Im späten 18. Jahrhundert verschwand der Absatz als aristokratisches Symbol unter dem Einfluss der Aufklärung. Erst im Biedermeier (1815-1848) gewann er wieder an Bedeutung. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Kutschen bequemer und das Reisen mit der Eisenbahn kam auf, so dass die Absätze der Herrenschuhe nicht mehr zum Reiten nötig waren und wieder flacher wurden. Bei den Damen blieb der Absatz jedoch beliebt. Dennoch, der hohe Absatz, heute ein Merkmal des weiblichen Schuhtyps, war von der Mode diktiert in der Vergangenheit ebenso ein Merkmal der Herrenschuhe (zuletzt noch in den 1970-er Jahren). Der Gummiabsatz wurde übrigens von Humphrey O’Sullivan (Lowell, Massachusetts/USA) im Jahr 1896 erfunden und hielt sogleich seinen Einzug in die Schuhindustrie.
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