HIRSCHLEDER

Die charakteristischen Eigenschaften des Leders rühren neben den mechanischen und chemischen Prozessen, die bei der Lederherstellung eingesetzt wurden, insbesondere von der besonderen Hautstruktur der verwendeten Tierart her. Das Narbenbild und die charakteristische Porenstellung, welche die Haare oder Federn in der Lederhaut hinterlassen, ergeben das typische Aussehen der unterschiedlichen Ledersorten und zeigt sich besonders deutlich im Kern der Haut.
Natürlich kann theoretisch aus der Haut eines jeden Tieres Leder hergestellt werden – vorausgesetzt die Haut ist gewebeartig aufgebaut und besteht aus gerbfähigem Kollagen. In der Praxis geschieht dies – insbesondere für Schuhe – aus verschiedenen Gründen jedoch nicht (Tierschutzbestimmungen, Größe der Häute, modische Akzeptanz, Gerbereierfahrung, gleichmäßige Beschaffenheit der Haut, Eignung als Schuhleder, Verfügbarkeit und Preis). Trotzdem kommen immer wieder (meist schon mal da gewesene) Neuheiten auf den Markt, wie beispielsweise Affenleder, Leder der indischen Pestratte, Froschleder, Pinguinleder, Hundeleder (in China), Elefanten(rüssel/bauch)leder, Yakleder oder hochglänzendes Schildkrötleder aus der Bauchhaut von Suppenschildkröten und skurrile Gerüchte über Schuhe aus seltenen Ledern machen immer wieder die Runde. Doch meist erlangen diese Leder keine nennenswerte Bedeutung, sodass sie hier nicht berücksichtigt werden.
Brandsohlen, Sohlen und die Ausballung waren seit dem Spätmittelalter ausschließlich aus Rindleder. Für den Schaft wurden neben Rind- auch weißes Schafleder verwendet. Um 1870 kamen erstmals exotische Leder in Mode für Schuhe. Man fertigte Schuhoberleder vor allem aus Reptilleder (Alligator, Schlangen und Echsen) aber auch aus Känguruhaut. Heutzutage werden sehr exotische Leder im Herrenschuhbereich fast nur noch für Westernboots verwendet. Dort sind Leder aus der Haut vom Aal, der Schildkröte, vom Ochsenfrosch, Elefant, Hai oder Ameisenbär immer wieder anzutreffen.
Dennoch gibt es infolge der vielen Tierarten, Gerbmöglichkeiten und Zurichtmethoden – allein für Schuhoberleder – immer noch eine recht große Zahl möglicher Ledersorten. Diese werden jedoch nicht nur mit den fachlich korrekten Namen bezeichnet, sondern von den Werbefachleuten der Schuhindustrie mit unzähligen Fantasiebezeichnungen versehen. Diese kurzlebigen, von Saison zu Saison neu auftauchenden und wieder verschwindenden Namen, sollen den Eindruck erwecken, es gäbe wieder etwas Neues oder ein bestimmter Hersteller habe Schuhe mit einem exklusiven Oberleder, über das andere Produzenten nicht verfügen. Oberklasseschuhe bleiben von solchen sprachlichen Verwirrspielen in der Regel verschont. Hersteller von hochwertigem Schuhwerk verwenden die korrekten Lederbezeichnungen. Doch schon bei Wanderschuhen werden Sie auf „neue“, nie gehörte Ledersorten stoßen. Lassen Sie sich nicht verwirren. Die hier verwendeten Bezeichnungen sind die fachlich richtigen und gemeinhin verwendeten Ledernamen. Mit dem Wissen aus diesem Kapitel und mithilfe des Glossars werden Sie keine Schwierigkeiten haben, die mit Modebezeichnungen versehenen Leder den allgemein bekannten Ledersorten zuzuordnen.
Die Vielzahl der möglichen Leder für Schuhe findet hier insoweit Berücksichtigung, als dass die üblicherweise für gute Herrenschuhe zu Verwendung kommenden Ledersorten beschrieben werden. Dementsprechend werden einige Leder nicht vorgestellt, weil sie entweder nur bei Damenschuhen eingesetzt werden (zum Beispiel Knautschlackleder und Gold- oder Silberleder) oder den Anforderungen, die an Leder hochwertiger Schuhe gestellt werden, nicht gerecht werden (beispielsweise Schaffelle und Glacéleder; aber auch Kalbleder, welches unter dieser Bezeichnung von Kälbern sämtlicher Gewichtsklassen stammen kann). In Fällen wo eine Verwechselungsgefahr von hochwertigen mit weniger guten Ledern besteht, ist diese zusätzlich erwähnt (zum Beispiel bei Rossbox oder Chevretten). Auf Ledersorten, die im Schuhbau hochwertiger Herrenschuhe eine große Bedeutung haben, wird ausführlicher eingegangen, als auf Leder die für Schuhe eher selten verwendet werden. Natürlich bedingen ständige Modewechsel, dass bald die eine, bald die andere Oberlederart im Vordergrund des Interesses steht, doch ist das für die überwiegende Mehrheit der hochwertigen Herrenschuhe ohne Auswirkung.
Darüber hinaus werden auch Lederarten wie Spalt-, Rau- und Futterleder behandelt. Und da in der Praxis auch Bezeichnungen für Leder vorkommen, die eher die Art der Zurichtung darstellen (beispielsweise Scotchgrain und Lackleder), sind diese selbstverständlich auch aufgeführt.
Sollten Sie eine Lederbezeichnung hier vermissen, finden Sie diese mutmaßlich mit einer Kurzcharakterisierung im Glossar.
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